Leitgedanken des Netzwerkes

Kulturelles Erbe tritt in unterschiedlichen Formen und Manifestationen auf, wobei die Unterscheidung zwischen materiellen Gegenständen und immateriellen Praktiken bzw. Ideen eine erste grobe Unterscheidung darstellt. Es ist aber gerade das spezifische Zusammenspiel dieser beiden Dimensionen, etwa in „traditionellen“ Institutionen, „heiligen“ Texten oder „Kulturlandschaften“, das es zu beachten gilt.

Kulturelles Erbe ist etwas Neues; etwas, das seine Bedeutung, Funktion und Wirksamkeit im Hier und Jetzt besitzt bzw. entfaltet. In diesem Sinne ist kulturelles Erbe dezidiert ein Phänomen, das in den Bereich gegenwartsbezogener Geisteswissenschaften und Gesellschaftswissenschaften gehört.

Dieses Neue zeichnet sich allerdings charakteristischerweise dadurch aus, dass es Bezugnimmt auf Altes und Vergangenes, welches entweder imaginiert wird oder tatsächlich existiert (hat) oder, wie in den meisten Fällen, eine Kombination von historischen Gegebenheiten und gegenwartsbezogenen Imaginationen darstellt. In diesem Sinne ist kulturelles Erbe ein Phänomen, das in den Bereich der historisch ausgerichteten Geisteswissenschaften fällt.

In dieser dialektischen Interdependenz von Neu und Alt konstituiert das Phänomen „Kulturerbe“ ein Forschungsfeld, das in besonderer Weise dazu geeignet ist, gegenwartsbezogene und historische Wissenschaften zu Kooperationen zu verbinden.

Wenngleich unsere Gegenwart durch eine Hochkonjunktur der Produktion von „Kulturerbe“ gekennzeichnet zu sein scheint, so haben doch auch vergangene Gesellschaften sich jeweils in ihren Gegenwarten kulturelles Erbe angeeignet. In dieser Verschränkung „gegenwärtiger Vergangenheit“ und „vergangener gegenwärtiger Vergangenheit“ verbirgt sich das große Potential interdisziplinärer, auch anwendungsbezogener Forschung.

Thesen

  1. Die „Bezugnahme” des Neuen auf etwas Vergangenes kann in unterschiedlichen Formen und zu unterschiedlichen Zwecken vorgenommen werden. (Stichworte: Kulturelles Gedächtnis, Erinnerungsorte)
  2. Im Prinzip kann alles kulturelles Erbe sein oder besser werden, so lange es historisierend Bezug nimmt auf etwas, das für Menschen identitätsstiftende Bedeutung besitzt. Diese auch (und vor allem) politische Dimension kulturellen Erbes kann sich auf unterschiedlich weit gefasste oder verschiedenartig aufgefasste Gruppenkonstruktionen beziehen, etwa auf Regionen, Institutionen, Ethnien oder Nationen.
  3. „Kulturerbe” ist nicht, „Kulturerbe” wird gemacht. Diese Konstruktion vollzieht sich in einer Vielzahl von miteinander zusammenhängenden Aushandlungen und zuweilen Kämpfen, in denen unterschiedliche Akteure mit oft konfligierenden Interessenslagen interagieren und mit Bezug auf die Frage, welchen Elemente ihrer Geschichte der Status kulturelles Erbes zukommen soll, politische Deutungskämpfe austragen.
  4. Kulturelles Erbe konstituiert eine Industrie, die im Verbund mit anderen Industrien –vor allem der Tourismus-Industrie- große Wirtschaftskraft entfalten kann. Gegenwärtig wird dabei nicht nur Kultur kommerzialisiert, sondern auch Kommerz kulturalisiert.
  5. Diese interdependenten Bewegungen führen dazu, dass es heute für viele Gruppen schlicht und einfach heißt, entweder kulturell distinkt oder gar nicht zu sein. Ethnizität oder, genereller, kulturelle und soziale Identität selbst wird zu Markte (oder zur UNESCO) getragen und dort in Wert gesetzt.
  6. Als etwas, das man kommodifizieren und kommerzialisieren, verkaufen und kaufen kann, wird Kulturerbe zum veräußerbaren Eigentum. Das Phänomen „Kulturerbe als „cultural property” wirft dabei nicht nur ökonomische, sondern auch juristische Fragen auf. Wem gehört diese sowohl monetär als auch ideell „in-Wert-gesetzte” Ware eigentlich?
  7. Kulturelles Erbe ist ein immer bedeutender werdendes Phänomen, und dies nicht obwohl sich die Welt globalisiert, sondern weil dies so ist. Diesen gegenwärtigen „cult of cultural heritage” gilt es, kulturvergleichend in seinen unterschiedlichen Ausformungen zu beschreiben und zu analysieren.
  8. Dabei tritt immer wieder das Problem der Authentizität in den Vordergrund. Wie schon beim „Kulturerbe” selbst gilt, dass etwas nicht authentisch ist, sondern es authentisch gemacht wird. UNESCO-Welterbe stellt dabei lediglich eine zugespitzte Form von „Kulturerbe” dar, an der diese Authentifizierungsprozesse und -mechanismen gut aufgehellt werden können.
  9. Neben die Frage, ob dieses oder jenes für diesen oder jenen authentisch ist oder nicht, tritt also gleichberechtigt die Frage nach den „politics of heritage”, danach, wer die Macht hat, etwas als authentisch (oder eben auch nicht) zu erklären, und wie man dies macht.
  10. In einer Welt beschleunigter Globalisierung werden nicht nur – als Gegenbewegung sozusagen – vermeintlich oder tatsächlich bedrohte Elemente der eigenen Kultur zum „Kulturerbe” erklärt. Häufig wird auch Fremdes im Laufe der Zeit nostrifiziert. Kommodifizierung von kulturellem Erbe führt dabei nicht zwingend zu Entfremdung. Im Gegenteil: Oft wird etwas authentifiziert und als authentisch angesehen, nicht obwohl es (auch) Ware ist, sondern gerade weil es Ware ist.
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